Bedienungsleiste

   Ansichtssache...
Werbekarte um 1910

Folge 29 - Heimatbrief Nr. 159 - Juni 2008

Wer sagt denn, dass es keine historische Ansichtskarte von dem Haus gibt, in dem sich seit April unser „Heimathaus Antonius“ befindet?! Man muss allerdings schon etwas genauer hinschauen, teilt es sich doch mit sieben weiteren Gebäuden die Aufmerksamkeit des Betrachters.

Ein cleverer Verleger – vermutlich der auf der Karte vertretene Franz Dülligen - hat mit einer Mischung aus Bildern von öffentlichen Gebäuden und St. Töniser Geschäften vor rund 100 Jahren einen Werbeträger der besonderen Art produziert. Mit seinem „Gruss aus St. Tönis“ verschickte der Käufer auch gleich eine dezente Werbebotschaft, so wie in unserem Fall Maria H. an Fräulein Helene K. in Kaldenkirchen.Die Bezeichnung „Neue Schule“ für die 1903 eingeweihte Knabenschule (zu dieser Zeit noch mit nur einem Trakt!) und der Poststempel von 1911 erlauben eine zeitliche Einordnung der kolorierten Karte um 1910.

Eine Beschreibung der öffentlichen Gebäude können wir an dieser Stelle vernachlässigen und uns dafür umso mehr den einzelnen Geschäften und der Frage zuwenden: „Wer hat sich von der fortschrittlichen Idee des Franz Dülligen überzeugen lassen?“


Da wäre Sophia Schmitz die ihr 1907 an der Schulstraße 7 eröffnetes Schreibwarengeschäft präsentiert, in dem es einer Werbeanzeige von 1926 zufolge auch Galanterie- und Tabakwaren gab. 91jährig erlebte Sophia Schmitz das 50jährige Geschäftsjubiläum als aktive Inhaberin. Als sie 1961 starb, übernahm ihre Nichte und Mitarbeiterin Elise Becker das Geschäft bis in das Jahr des 75jährigen Bestehens. Nach deren Tod führte Tochter Elisabeth von der Way das Geschäft nach kurzer Pause von 1982 bis zur Schließung 1989. Wenn auch die Namen wechselten - der Name der Gründerin blieb bis zu Letzt, ja bis heute bei den St.Tönisern haften: man kaufte bei Sophia Schmitz oder auf gut niederrheinisch bei „Schmitz-Sophie“.

Links in der Kartenmitte ist unverkennbar unser Haus in der Antoniusstraße 6 zu sehen. In den uns vorliegenden Archivunterlagen, Adressbüchern, historischen Werbeanzeigen etc. vom Beginn des vorigen Jahrhunderts an wird unter dieser Adresse immer nur der Name „Dahmen“ und dies in Verbindung mit einem Porzellanhandel genannt. So beantragte Wilhelm Dahmen 1897 - als die Antoniusstraße noch Maximinenstraße hieß - einen Umbau für das Haus mit der Nummer 231 (bis 1902 galt die für den ganzen Ort fortlaufende Zählweise). Die auf der Karte gedruckte Bezeichnung „Geschäftshaus Joh. Rector“ ist vor diesem Hintergrund rätselhaft. Nach Wilhelm Dahmen folgen später Jakob Dahmen (1925) und zuletzt dessen Tochter Nelly. 1989 endete die Ära Dahmen. Christine Runge übernahm das Geschäft, das ab 2001 weitere fünf Jahre von Frank Jakobs geführt wurde. Mit dem Kauf des Hauses durch den Heimatbund endete 2006 eine über 100jährige Porzellan-Handelstradition, an die der dem Namen „Heimathaus Antonius“ angefügte Slogan „Heimat im Porzellanladen“ erinnern soll.

Das links unten abgebildete Kolonialwarengeschäft von Johann Topoll findet sich in unserer Adressbuch-Datenbank erstmalig 1910. Dort empfahl er im Werbeteil seine „allerbilligsten“ Konserven, Weiß-, Kurz- und Wollwaren, Farben und Lacke sowie „sämtliche dem Handel freigegebenen Drogen“. In der jüngeren Vergangenheit - die Straße war inzwischen in „Gelderner Straße“ umbenannt worden - befand sich in dem Haus mit der Nummer 9 der Friseursalon von Silvia Mädler (1971-92). Seit 2000 schließlich sorgt das Team des „Hörf(ohr)um“ unter der Leitung von Angela Hidding dafür, dass sich die St. Töniser Bürger auch bei vorliegender Hörbehinderung gut verstehen.

Zu guter Letzt kommen wir zur Buchhandlung von Franz Dülligen, dem wir sehr wahrscheinlich die vorliegende Karte verdanken. Dafür spricht, dass ihm schon 1900 (damals noch am Kirchplatz) eine Buchbinderei und -handlung gehörte und dass er auch schon als Verleger einer anderen alten Ansichtskarte (Folge 9 dieser Serie) in Erscheinung trat. Eine Werbung in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr verrät uns, dass er spätestens 1909 sein Domizil an der Kaiserstraße 6 bezogen hatte. Neben dem Verkauf von Schreibartikeln beschäftigte er sich auch mit der Rahmung von Photografien. Im Augenblick ist das Ladenlokal ungenutzt, seitdem der Stadtkulturbund mit seinem „Kultur-Shop“ neue Räume in der Grundschule am Kirchplatz bezogen hat.

Bleibt die Frage, ob sich das Fräulein Helene in Kaldenkirchen über die Grüße von Maria H. aus St.Tönis genauso gefreut hat, wie wir es beim Betrachten der alten Bilder tun.    



Bedienungsleiste