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Ansichtssache...
Kulderhaus Hochstraße Ecke Kirchstraße

Folge 13 - Heimatbrief Nr. 141 - Mai 1999
Kinder, wie die Zeit vergeht! Hätten Sie gedacht, daß seit dem Abriß des alten Kulderhauses schon 20 Jahre vergangen sind? Und um einiges älter ist die Ansichtskarte unten im Bild, die sich leider nur als Repro im Archiv des Heimatbundes befindet - Kunibert Schmitz aus Vorst stellte sie uns leihweise zur Verfügung.
Vor 100 Jahren wurde sie im Postamt Sanct Tönis abgestempelt. Wie damals üblich, wurde der Mitteilungstext auf der Bildseite geschrieben. Die Rückseite enthält vorschriftsmäßig nur die Adresse und die 5-Pfennig Reichspostbriefmarke. Die Originalkarte ist kunstvoll coloriert. Leider gibt es keinen Hinweis auf den Verlag oder Zeichner.

Geschmückt mit den schwarz-weiß-roten Reichsfahnen sehen wir das Kulderhaus an der Hochstraße (damals Hausnummer 183, später 16) zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Die mit Hopfen und Gerste verzierte Karte gibt uns auch einen Hinweis darauf, daß man hier (bis 1922) auch ein eigenes Bier gebraut hat. Gründer der Gaststätte und Brauerei war 1858 Wilhelm Schwengers, der "nebenbei" auch noch eine Bäckerei, einen Kolonialwarenladen und Landwirtschaft betrieb. 1887 übernahm sein Neffe Theodor Kulder die Geschäfte, die ab 1940 von seinem Sohn Hans Kulder weitergeführt wurden.

In über 120 Jahren erlebten Haus und Bewohner Freud und Leid. Das erste Fest wurde 1858 gefeiert, als noch nicht einmal das Dach gedeckt war; unter offenem Himmel fand hier die 100-Jahrfeier der Schlacht an der Hückelsmay statt. Der Saal war besonders in der Karnevalszeit beliebter Treffpunkt, wenn zum Beispiel die Kolpingsfamilie dort ihre berühmten Sitzungen abhielt. Aber auch dunkle Erinnerungen sind mit dem alten Gebäude verbunden. So fand die Nachbarschaft im 2. Weltkrieg in den massiven Bierkellern Schutz, wenn ein Fliegeralarm die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.

Im November 1979 wurde das markante Eckhaus zur Kirchstraße im Zuge der Ortskernsanierung vollständig abgerissen. 1981/82 gab der Neubau eines modernen Wohn- und Geschäftshauses der fast gleichzeitig fertiggestellten Fußgängerzone ein völlig neues Aussehen. Heute haben im Erdgeschoß das Eis-Cafe Fontanella, das Tönisvorster Reisebüro, das Cafe Büskens, die Drogerie Helemann, die Ballettschule Rajkowski und an der Front zur Kirchstraße das Lokal "Zur Windrose" Geschäftslokale gefunden - ein reges Geschäftsleben, das an die vielseitigen Aktivitäten der Familien Schwengers/Kulder erinnert.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß eines der heutigen Geschäfte mit dem Slogan werben würde, mit dem die Restauration Kulder in der Festschrift "100 Jahre Freiwillige Feuerwehr" im Jahre 1909 mit den stolzen Worten "in unmittelbarer Nähe der elektrischen Straßenbahn" auf sich aufmerksam machte ...

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