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Ansichtssache...
Kirchplatz

Folge 2 - Heimatbrief Nr. 130 - November 1993
St.Tönis am 2. Oktober 1919. Der Erste Weltkrieg gehört seit einem knappen Jahr der Vergangenheit an. Spürbar sind allerdings noch seine Folgeerscheinungen.

Das Rheinland ist besetzt von belgischen Truppen und die Bürger müssen sich strengen Anordnungen fügen. Insbesondere der Post- und Nachrichtenverkeh ist erheblich eingeschränkt. So wurden im Dezember 1918 alle privaten Telefone eingzogen. Sogar das Befördern von Brieftauben wurde unter Strafandrohung gestellt. Alle Postsendungen unterlagen der Zensur und es wurde wegen der leichteren Kontrolle der Gebrauch von Postkarten empfohlen. Verboten ist die Verwendung von anderen Sprachen als Französisch, Flämisch, Englisch und Hochdeutsch. Sogar Plattdeutsch ist im Schriftverkehr ausdrücklich verboten.

Für Antoine Wilbers sind diese Umstände weniger gravierend. Er ist einer der belgischen Besatzungssoldaten der "Armee Belge D´occupation" und ist in St.Tönis stationiert. Sicher wäre er jetzt lieber zu Hause in St.Gilles bei Brüssel, wohin er an diesem 2. Okrober die hier abgebildete Ansichtskarte "aus dem Dorfe, wo ich mich jetzt befinde" schickt. In französicher Sprache grüßt er Mutter, Bruder, Schwestern und alle Bekannte und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß zu Hause alles in Ordnung sei.

Der Tatsache, daß es überall auf der Welt tauschwillige Ansichtskartensammler gibt, verdanken wir, daß diese Karte ihren Weg - über einen Sammler in Vorst - zurück nach Deutschland und letztendlich ins Heimatbundarchiv gefunden hat.

Das Foto dieser von J. Krapohl in Mönchengladbach verlegten Karte zeigt die Häuser am Kirchplatz von Nr. 7 bis 12. Es entstand sicherlich vor dem Ersten Weltkrieg - nehmen wir einmal an um 1910. Das ist sicher nicht so ganz abwegig und ermöglicht mir, die Bewohner der Häuser an Hand des mir vorliegenden Adreßbuches von 1912 zu nennen. In den beiden Häusern im Vordergrund waren Einzelhandelsgeschäfte untergebracht. In Nr. 7 hatte die Modistin Elisabeth Althaus ihren Salon und in NR. 8 war das Schuhgeschäft des Matthias Krienen. Unter dem Namen "Haus Alt-Rixen" dürfte das Eckhaus hinter der Antoniusstraße mit der Hausnummer 9 das bekannteste sein. Seit wann dort eine Gaststätte betrieben wurde, konnte ich nicht genau ermitteln. Schon im Adreßbuch von 1898 finden wir jedenfalls unter der damaligen Hausnummer 462 die Eintragung "Rixen, Josef Peter, Wirth und Bauer". Heute existiert diese traditionsreiche Gaststätte bekanntlich nicht mehr und auch die Fassade des Hauses hat sich seit dem Umbau erheblich geändert.

Gut zu erkennen ist an der Ecke Marktplatz eine weitere Gaststätte. "Haus Mennemann", das 1912 zum erstenmal im Adreßbuch erscheint, wurde im 2. Weltkrieg zerstört und dient seit seinem Wiederaufbau als Wohnhaus.

Die dazwischen liegenden Häuser haben, wie die aktuelle Aufnahme zeigt, ihr Aussehen nur unwesentlich verändert. Im Haus Nr. 11 lebten der Buchbindermeister und Küster Josef Pauen und der Organist Karl Pauen. Im Nachbarhaus Nr. 10 hatte Dr. Schmitz seine Praxis als praktischer Arzt.

Unverändert geblieben ist auch der Platz um die Pfarrkirche mit seiner vertrauten, eisernen Umfriedung. Auch die Bäume dürften noch die alten sein. Schade eigentlich, daß sie uns nichts aus der "guten, alten Zeit" erzählen können ...


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